Dekubitus vorbeugen – Lebensqualität erhalten
Ein Druckgeschwür kann sich innerhalb weniger Stunden entwickeln – und Wochen oder Monate zur Heilung benötigen. Wer die Risiken kennt und frühzeitig handelt, kann pflegebedürftige Angehörige wirksam schützen. Dieser Ratgeber gibt Ihnen einen umfassenden Überblick: von den Grundlagen bis zu konkreten Maßnahmen und passenden Hilfsmitteln.
Was ist Dekubitus?
Dekubitus – auch Druckgeschwür genannt – ist eine Wunde, die durch anhaltenden äußeren Druck auf die Haut entsteht. Ist das Gewebe über längere Zeit hinweg solch einem Druck ausgesetzt, wird es nicht mehr ausreichend mit Blut, Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Die Folge: Hautzellen sterben ab und es entstehen schmerzhafte, schlecht heilende Wunden.
Betroffen sind vor allem Körperstellen, an denen die Haut direkt über dem Knochen liegt und kaum durch Muskel- oder Fettgewebe gepolstert wird – typischerweise Fersen, Steißbein, Kreuzbein, Sitzbein, Schulterblätter, Knöchel und Hinterkopf.
Die 4 Schweregrade im Überblick
Je nach Ausprägung, wird ein Dekubitus in vier Schweregrade eingeteilt:
Grad 1 – Hautrötung bei intakter Haut
Hier ist die Haut noch intakt, zeigt aber eine Rötung, die beim Drücken mit dem Finger nicht verblasst (sogenannter „nicht wegdrückbares Erythem“). Die betroffene Stelle kann schmerzhaft, wärmer, kälter, härter oder weicher als das umliegende Gewebe sein.
Grad 2 – Oberflächliche Wunde
Die Haut ist bis in die mittlere Hautschicht (Lederhaut) zerstört. Die Wunde ist flach und offen, das Wundbett erscheint rot oder rosa. Gelegentlich bildet sich eine wasser- oder serumgefüllte Blase.
Grad 3 – Tiefe Wunde mit sichtbarem Unterhautfettgewebe
Alle Hautschichten sind vollständig zerstört. Das Unterhautfettgewebe kann sichtbar werden, jedoch liegen Knochen, Sehnen oder Muskeln noch nicht frei. Die Wundtiefe variiert je nach Körperstelle.
Grad 4 – Schwerste Ausprägung mit freiliegenden Strukturen
Vollständiger Verlust aller Gewebeschichten. Knochen, Sehnen oder Muskeln liegen frei oder sind tastbar. Dieser Grad erfordert sofortige intensive medizinische Versorgung.
Symptome eines Dekubitus:
Die Anzeichen eines Dekubitus entwickeln sich oft schleichend. Achten Sie auf folgende Warnsignale:
- Anhaltende Hautrötung, die sich beim Fingerdrucktest nicht wegdrücken lässt
- Schmerzen oder Druckempfindlichkeit an einer bestimmten Körperstelle
- Veränderungen der Hauttemperatur – die betroffene Stelle fühlt sich wärmer oder kälter an
- Verhärtungen oder Schwellungen unterhalb der Haut
- Offene Wunden, Blasen oder Schorf im fortgeschrittenen Stadium
- Geruch oder Wundflüssigkeit bei infizierten Stellen
Hinweis: Durch den sogenannten Fingertest können Sie feststellen, ob ein Dekubitus vorliegt. Ist die gerötete Hautstelle nach Ausübung von Druck kurz weiß, ist die Durchblutung noch in Ordnung. Bleibt die Rötung jedoch bestehen, könnte es sich um einen Dekubitus Grad 1 handeln. Sofortiges Handeln ist nun ratsam.
Wie wird ein Dekubitus behandelt?
Das Ziel jeder Behandlung ist es, die betroffene Stelle zu entlasten, die Wundheilung zu fördern und Komplikationen wie Infektionen zu verhindern. Die Therapie richtet sich immer nach dem Schweregrad:
Druckentlastung:
Oberste Priorität hat die vollständige Entlastung der betroffenen Körperstelle. Regelmäßiges Umlagern sowie der Einsatz druckverteilender Matratzen und Kissen sind unverzichtbar.
Wundversorgung:
Spezielle feuchte Wundauflagen schützen die Wunde vor Austrocknung und Keimen, halten das Wundheilungsklima aufrecht und ermöglichen eine schonende Reinigung beim Verbandswechsel. Ab Grad 3 entfernen Fachpersonen abgestorbenes Gewebe auch mit chirurgischen Instrumenten (sogenanntes Débridement).
Medikamentöse Therapie:
Schmerzmittel (z. B. Paracetamol oder Ibuprofen) lindern Beschwerden. Bei Infektionen werden Antibiotika eingesetzt. In schweren Fällen kann eine Vakuumversiegelungstherapie (Unterdruck-Wundtherapie) die Gewebeneubildung und Durchblutung anregen.
Operative Maßnahmen:
Bei sehr tiefen oder schlecht heilenden Wunden (Grad 3–4) kann in seltenen Fällen eine Hauttransplantation notwendig werden.
Hinweis: Ein nicht versorgtes Druckgeschwür kann zu einer Sepsis (Blutvergiftung) führen – eine lebensbedrohliche Komplikation. Zögern Sie bei Verschlechterungen nicht, ärztliche Hilfe zu suchen.
Maßnahmen zur Vorbeugung
Das Risiko eines Dekubitus lässt sich mit folgenden Maßnahmen bereits reduzieren:
Regelmäßiges Umlagern:
Bettlägerige Personen sollten mindestens alle 2 Stunden umgelagert werden – auch nachts. So werden einzelne Körperstellen immer wieder entlastet. Pflegende sollten dabei auf sanfte Techniken achten, um Scherkräfte und Reibung zu vermeiden.
Hautpflege:
Die Haut sollte täglich auf Rötungen und Veränderungen untersucht werden. Sie muss sauber und trocken gehalten werden – besonders bei Inkontinenz. Feuchtigkeitsspendende Pflegeprodukte erhalten die Elastizität und stärken die Hautbarriere. Gefährdete Stellen sollten nicht massiert oder gerieben werden, da dies das Gewebe weiter schädigen kann.
Ernährung und Flüssigkeit:
Eine ausgewogene, proteinreiche Ernährung unterstützt den Gewebeaufbau und die Wundheilung. Auch ausreichend Flüssigkeit ist wichtig, um die Haut von innen zu pflegen. Mangelernährung erhöht das Dekubitusrisiko erheblich.
Mobilisierung und Bewegung:
Jede Bewegung verbessert die Durchblutung. Wenn möglich, sollten pflegebedürftige Personen aktiv zur Eigenbewegung motiviert werden. Physiotherapie kann dabei unterstützend wirken.
Dokumentation:
Ein Pflegejournal oder eine Lagerungsübersicht hilft dabei, den Überblick zu behalten: Wann wurde gelagert? Wie sieht die Haut aus? Gibt es Veränderungen?
Hilfsmittel
Geeignete Hilfsmittel können die Vorbeugung und Versorgung eines Dekubitus unterstützen:
- Wechseldruckmatratzen: Der automatische Luftdruckwechsel entlastet gefährdete Stellen.
- Weichlagerungsmatratzen: Die auf Schaumstoff oder Gel basierenden Matratzen verteilen das Körpergewicht gleichmäßig.
- Lagerungskissen & -rollen: Sie halten den Körper stabil in der Seitenlage und reduzieren so Reibung.
- Sitzdruckverteilende Kissen: Sie vermindern punktuellen Druck, insbesondere bei Rollstuhlfahrern.
- Fersenschutz & spezielle Schuhe: Sie schützen besonders druckgefährdete Fersen.
- Wundauflagen: Silikonhaltige Auflagen schützen gefährdete Stellen vor Reibung.
- Seitenlagerungssystem: Ein Seitenlagerungssystem kann die nötige Umlagerung erleichtern und pflegende Angehörige entlasten.
Bei medizinischer Notwendigkeit können viele dieser Hilfsmittel von der Kranken- oder Pflegekasse übernommen werden. Eine ärztliche Verordnung ist hierfür in der Regel erforderlich.
Was tun, wenn ein Dekubitus bereits entstanden ist?
Wenn Sie erste Rötungen oder Druckstellen entdecken, sollten Sie schnell handeln. Je früher Maßnahmen ergriffen werden, desto besser sind die Heilungsaussichten.
Sofortige Druckentlastung:
Wichtig ist, die betroffene Stelle keinem weitern Druck auszusetzen. Die Person sollte so umgelagert werden, dass die betroffene Stelle vollständig frei liegt.
Kontaktieren Sie den Arzt oder Pflegedienst:
Bereits ab Grad 1 sollte ein Arzt informiert werden. Ab Grad 2 ist eine professionelle Wundversorgung durch medizinisches Fachpersonal unbedingt erforderlich.
Wundversorgung und Hygiene:
Die Wunde muss regelmäßig gereinigt und mit geeigneten Wundauflagen versorgt werden. Achten sie beim Verbandswechsel auf Hygiene und beobachten Sie die Wunde genau auf Zeichen einer Infektion (Rötung, Wärme, Schwellung, Geruch).
Risikofaktoren beseitigen:
Überprüfen Sie, was den Dekubitus begünstigt hat und beseitigen Sie diese Faktoren. Wurde zu selten umgelagert? Ist die Matratze ungeeignet oder ist die Ernährung nicht angemessen?
Geduld und Konsequenz:
Insbesondere bei höhergradigen Wunden kann die Heilung Wochen bis Monate dauern. Eine konsequente Pflege, entlastende Hilfsmittel und regelmäßige ärztliche Kontrollen sind entscheidend für eine gute Wundheilung.
Bei Fragen zu geeigneten Hilfsmitteln wenden Sie sich an Ihren behandelnden Arzt oder Ihren Pflegedienst. Im Bereich der Homecare-Versorgung bietet mediteam auch die Betreuung durch speziell ausgebildete Wundexperten an. Wir arbeiten eng mit Hausärzten, ambulanten Pflegediensten und Pflegeeinrichtungen zusammen und unterstützen Betroffene auch im häuslichen Umfeld. Die Versorgung erfolgt auf ärztliche Verordnung.
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